Unsere Geschichte

Unsere Geschichte

Dr. Dr. Klaus Honigmann, Privatdozent für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Gründer und ehemaliger Leiter der „Schweizer Gruppe Nicaplast“, entwickelte das Basler Konzept der operativen Behandlung von Menschen mit Lippen-Gaumen-Spalten und wendete dieses als erster in Nicaragua über viele Jahre an. Er schrieb 1993 über den Beginn seiner Arbeit mit Nicaplast in Nicaragua:

 

„… Ich habe die zu diesem Zeitpunkt für mich unvorstellbare Armut großer Teile der Bevölkerung kenngelernt. Ich habe die Herzlichkeit, die Gastfreundschaft und die Dankbarkeit dieser in so einfachen Umständen lebenden Menschen erfahren können. Kein Zweifel, hier konnte eine für die einzelnen Betroffenen sinnvolle Hilfe geleistet werden. Und dazu brauchte es Kontinuität! Also war es beschlossene Sache, jedes Jahr für zwei Wochen nach Nicaragua zu gehen …“

 

 

 

 

 

Entsprechend der Überzeugungen, mit denen PD Dr. Dr. Klaus Honigmann seine Patienten am Universitätsspital Basel behandelte, setzte er für die Arbeit in Nicaragua nach kürzester Zeit alles daran, in einem interdisziplinären Team dorthin reisen zu können. Viel organisatorisches Talent sowie innere und äußere Flexibilität waren nötig, um ein solches Team zu finden. In den folgenden Jahren fand sich in kleinen Schritten eine Gruppe von acht Menschen, die alle in verschiedenen Disziplinen, aber mit derselben Begeisterung jedes Jahr mit „Dr. Klaus“ nach Nicaragua reisten.

Chronologisch gesehen ist da zunächst der Kieferorthopäde Dr. Claude Hockenjos, der von 1994 bis 2011 jährlich im Team dabei war und an der Universität in Leon ein festes Ausbildungsprogramm für die dort tätigen bzw. in Ausbildung begriffenen Kieferorthopäden entwickelt hatte. Für seine ausserordentlichen Leistungen bei den Nicaplast-Einsätzen, vor allem auch in der Lehre, wurde er 2011 mit dem Ehrenprofessorentitel der Universität Leon ausgezeichnet. Ihn begleitete ab 1997 der Zahntechnikermeister Marc-Fabien Blaise aus Mulhouse, der die praktische Realisierung der kieferorthopädischen Behandlungskonzepte und die Weiterbildung der Kieferorthopäden und Zahntechniker abrundet. 2011 und 2012 fuhr mit uns der Basler Kieferorthopäde PD Dr. Dr. Lorenz Brauchli nach Nicaragua; ab 2013 ist nun der aus Argentinien stammende Zahnarzt Ignacio Filippon für die Praxis und Lehre in der Kieferorthopädie während der Nicaplast-Mission verantwortlich.

Für die chirurgische Arbeit unverzichtbar war der Anästhesist Dr. Daniel Reinhardt, inzwischen Chefarzt am Salemspital Bern und OP-Schwester Valerie Kühl vom Universitätsspital Basel, die beide unser Team ab 1995 unterstütz(t)en. Dr. Reinhardt begleitete die Missionen mit grossem Engagement bis 2008. Seit 2009 werden die Narkosen während der Hilfseinsätze durch das erfahrene Anästhesistenteam bestehend aus Dres. Brigitte Spirgi, Axel Gils und Andreas Lampart durchgeführt.

Von Skalpell bis zum Nahtfaden wird das gesamte OP-Material das Jahr über in der Schweiz und Deutschland zusammengesucht, von Spendengeldern bezahlt und auf jede Reise mitgenommen. Die Operation ist für die Patienten, die aus jeder Altersgruppe stammen, gratis. Ebenso wie unsere Chirurgen müssen auch Anästhesisten und OP-Schwestern unter sehr einfachen medizinischen Verhältnissen und anstrengenden äusseren Bedingungen ihre verantwortungsvolle Tätigkeit ausüben – was natürlich auch den Reiz dieser zwei Wochen ausmacht.

Seit 1998 mitbeteiligt ist Dr. phil. Ulrike Wohlleben, Logopädin und Castillo Morales-Therapeutin aus Deutschland. Ihre Arbeit besteht neben gelegentlicher Übersetzungsarbeit, bei der sie ihre Spanischkenntnisse einsetzen kann, darin, die Funktion der Mundmuskulatur vor und nach der Operation zu begutachten und mit kleinen, alltäglichen Hilfen zu deren Verbesserung beizutragen. Dabei arbeitet sie entweder direkt mit den Patienten oder leitet Eltern und Krankenhauspersonal an, funktionelle Aspekte z.B. bei Essen und Trinken zu berücksichtigen.

Silvia Honigmann, Ernährungs- und Stillberaterin, reist seit 1999 mit nach Nicaragua, um ebenfalls mit den Eltern der zu operierenden Kinder und dem Personal des Krankenhauses in winzigen Schritten an einer Erweiterung ihres Wissens in punkto Ernährung zu arbeiten oder die Kinder durch selbstgekochte Breis ein wenig „aufzupäppeln“.

Für diese beiden Berufsgruppen, die in Nicaragua bisher weitgehend unbekannt sind, ist die Arbeit sehr kleinschrittig und schwierig, weil die Zusammenarbeit mit den Menschen dort nur behutsam und respektvoll eine langsame Veränderung ermöglichen kann.

Nachdem wir 2004 und 2005 nicht reisen konnten, weil unser Freund Klaus Honigmann uns krankheitsbedingt nicht begleiten konnte und ein Nachfolger noch nicht gefunden war, war der Beginn des Jahres 2006 etwas besonderes: Wir hatten seinen Schüler und langjährigen Mitarbeiter, Univ.-Prof. Dr. mult. Robert A. Sader, inzwischen Ordinarius und Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie des Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, gewinnen können, in Klaus Fussstapfen zu treten und seine Nachfolge in Nicaragua anzutreten. Seine Zusage erfolgte spontan ohne Zögern, seine Integration in das bisherige Team war so unproblematisch, als wären wir schon jahrelang auch mit ihm nach Nicaragua gereist.

Die gleiche unkomplizierte Art, an den Problemen der nicaraguanischen Kinder entlang eine gemeinsame Arbeit vor Ort zu entwickeln, zeichnete Dr. Stefan Stübinger aus, der ab 2006 ebenfalls zum ersten Mal mitreiste und bis 2009 als Zahnarzt und Oralchirurg wertvolle Hilfe für die meist dramatisch zerstörten Zähne der nicaraguanischen Menschen leistete.

Seit 2010 ergänzt der Basler Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Dr. Dr. Florian Thieringer unser Team. Seine operativen Schwerpunkte sind vor allem komplexe zahn- bzw. oralchirurgische Eingriffe sowie die Versorgung von Unfallverletzungen und Wiederherstellende Operationen (traumatologische und rekonstruktive Eingriffe), die er während der Hilfseinsätze durchführt. Seit 2011 begleitet uns auch ein Handchirurg, Dr. Philipp Honigmann, Sohn von Klaus Honigmann, der die dringende Versorgung in diesem Fachgebiet erweitert. Die beiden Ärzte kümmern sich vor Ort auch um die Fotodokumentation unserer Patienten und die Erstellung der Operationslisten und -statistiken am Computer. Nebenbei versuchen sie – soweit es ihre Zeit erlaubt – diese Website à jour zu halten. Dr. Axel Gils zog sich 2015 temporär von den Einsätzen zurück und wurde durch Dr. Helena Simitzis ersetzt.

Im Hospital von Somoto, im Norden Nicaraguas, wo wir bei jeder Reise immer die erste Woche verbringen, erwarten uns die Familien mit ihren Kindern bereits Stunden, bevor wir nach dem Flug direkt aus Managua dort ankommen.
Sie haben oft weite Wege zu Fuß zurückgelegt, nachdem sie über einen Rundfunkwagen davon in Kenntnis gesetzt wurden, dass sie nun die Chance haben, sich selbst oder ihr Kind gratis operieren zu lassen. Auch Eltern von Kindern mit anderen Problemen – Verbrennungen, Ohrproblemen, Fehlbildungen der Hände oder Füße- kommen mit dem Bus oder zu Fuß, weil sie sich eine Behandlung erhoffen, die auch, so weit es irgend geht, vom operativen Team übernommen wird.

Ein großer, speziell für uns in dieser Zeit reservierter Krankensaal nimmt Eltern und Kinder nach dem ersten Befundungstag auf, die Klinik leistet die pflegerische Arbeit und die Versorgung der Patienten ebenfalls kostenlos. Wir sehen im Laufe der Jahre kleine positive Veränderungen, die uns klarmachen, dass unsere Arbeit sinnvoll ist.

Als wir im Januar 2006 nach zwei Jahren Pause wieder nach Somoto reisten, waren wir in kürzester Zeit durch den herzlichen Empfang und die vielfachen Versicherungen dessen, was die Leute in Somoto von uns erhoffen, überzeugt: wir werden weiterhin gebraucht – man rechnet auf uns. Wir haben unsere Trauer um Klaus Honigmann ebenso mit den Freunden in Nicaragua geteilt wie die Freude darüber, dass wir einen Nachfolger für ihn finden konnten. Wir wollen diese Arbeit mit ungebrochener Begeisterung weiterführen.

Im Jahr 2013 reisten wir nach unserem Teileinsatz in Somoto im Anschluss an die Ostküste Nicaraguas – nach Bluefields – um die Ärzte in dieser grossen und bedürftigen Region zu unterstützen. Der knapp einwöchige Einsatz während unseres Aufenthaltes war ein grosser Erfolg, ein Arzt aus Bluefields war uns schon von anderen Einsätzen bekannt. Durch die gute Vorbereitung vor Ort konnten wir bereits kurz nach unserer Ankunft die ersten Patienten empfangen, untersuchen und ab dem nächsten Tag operieren. Die Masse an hilfsbedürftigen Patienten in Bluefields bestätigte unseren Plan, in Zukunft auch dort einen Teil unserer Mission zu verbringen …

Politische Gründe zwangen uns leider, den Ort Somoto 2015 nach vielen Jahren aufzugeben und nach Ocotal, das etwas nördlicher liegt als Somoto, zu gehen. Dort wurden wir sehr herzlich und mit offenen Armen empfangen. Die Lage des Ortes ermöglicht es uns trotzdem die Patienten von Somoto zu betreuen und nachzukontrollieren. 

Ocotal, als Partnerstadt von Wiesbaden, wurde lange Zeit von einer Gruppe aus Wiesbaden „Nueva Nicaragua“ unterstützt. Dank unseres Engagements in Ocotal und vor allem des ärztlichen Leiters, Prof. Dr. Sader, ist diese Unterstützung nun wieder aktiviert worden. Wir hoffen, die medizinische Versorgung im Norden Nicaraguas durch den nachhaltigen Aufbau in Ocotal deutlich zu verbessern.

2017 hat ein neuer Ausbildungsassistent, Dr. Santos Gomez aus Ocotal, bei Dr. Gustavo Herdócia, angefangen. Wir konnten während des Einsatzes 2018 bereits mit ihm arbeiten. Er ist ein sehr talentierter und angenehmer Kollege, den wir nun während den kommenden 4 Jahren mit ausbilden werden…